Neuburg a.d.Donau 9.-11. März 2018
NEUBURGMUSIK – Der Blog
Bernhard Jestl, Neuburgmusik-Blog
im März 2018

Der dritte Tag

Lieber Freunde, hier folgt die Beschreibung des dritten Tages unseres Festivals. Gestern habe ich Sie ermuntert, zu den drei Konzerten zu gehen, ich war da. Also da wären zuerst zu nennen das Promenadenkonzert von der Schrannenhalle über die Schlosskapelle zum Rathausflez, und an jedem Ort hat Johannes Fischer eindrucksvolle Performances geboten. Am ersten Treffpunkt nur Trommeln und Vibraphon, am zweiten vor allem verschiedene Metallinstrumente und am dritten Ort Kuhglocken, Benzinkanister und eine kleine Trommel, welche nur ganz ganz selten wie eine solche geklungen hat, so variabel sind die Spielmöglichkeiten: von der Schuhbürste bis zum Rasierer hat der Spieler in seiner eigenen Komposition „AIR“ die mannigfaltigsten Anschlagmittel gebraucht. Johannes Fischer: ein profunder Kenner seiner Imstrumente und auf jedem gleichermaßen perfekt. Also diese rebonds von Xenakis – ich weiß ja nicht, ob ich diesen Klassiker der Schlagzeugliteratur je so eindrucksvoll gehört habe wie in der Schranne zu Neuburg an der Donau. Ganz introvertiert dagegen Fischers Auftritt in der Schlosskapelle: bei minus null Grad am Boden sitzend hat er das Gebäude zum Klingen gebracht, mächtige Klänge mit einer riesige Tempeltrommel zum Beispiel – einmal angeschlagen, klingt eine Minute – und ganz zart und leise Eric Griswolds Kompositioen „Switch“ gespielt auf drei Blumentöpfen: ein Paradebeispiel für polyrhythmische Kompliziertheit, drei gegen vier, oder fünf gegen drei oder auch nur zwei gegen drei, und am Ende klingt es ganz einfach.

Das Familienkonzert von Double Drums war flott, variabel, detailreich, laut, leise, lehrreich ohne didaktisch zu sein, unterhaltsam: für die Familie und für die Kinder zum Mitklatschen, um was zu lernen. Eine Reise mal wieder durch die Kulturen, durch die Wüsten unserer Welt; die Bühne voll Schlagzeug vom Marimbaphon bis zur Bohrmaschine und zum Eimer, ja, auch das sind Schlaginstrumente, und die beiden Künstler können sie alle spielen. Die Kinder dankten es ihnen mit donnerndem Applaus und guter Stimmung: Zugabe auf zwei Trittleitern.

Der zweite Oktettabend brachte die Rückkehr in heimische Gefilde, oder was ein jeder für heimisch hält, Mayrhofer oder Schubert? Man weiß es nicht so genau. Mayrhofer: ein Werk, das den symphonischen Charakter einer solchen Oktettbesetzung herausstreicht. Bruckner und Mahler und Schubert stecken drin, jener in den Klangballungen, die sich nach einiger Zeit der Entwicklung ergeben, und gleich wieder von neuem ansetzen, dieser durch Naturlaute und durch schlichte Zitate. Dazwischen insektoides Entstehen der Natur, Aufbrausen von Welt und Kreatur. Schubert muss ich nicht kommentieren, war aber zweifellos der Höhepunkt der Oktettkonzerte, jetzt übrigens mit Mika Hakhnazaryan am Cello und Rüdiger Lotter an der ersten Geige. Acht Experten haben für ein wirklich furioses Finale gesorgt, vielen Dank!

Résumé: Die Verantwortlichen haben ganze Arbeit geleistet, hochkarätige Künstler nach Neuburg zu holen, wir können nur hoffen, dass das fortgesetzt wird – unbedingt! muss das fortgesetzt werden – liebe Geldgeber, Stadträte und Sponsoren! Zögern Sie nicht, das nächste Mal genauso spendabel in die Taschen zu greifen, spendabler als diesmal sogar, die Neuburger haben es verdient, ein solch außergewöhnliches Musikfestival auf dem Kalender zu haben, ich werde dann auch wieder darüber schreiben.

Darauf freut sich schon jetzt
Ihr Bernhard Jestl

Schlagzeuger……

……sind eine besondere Spezies, unser dritter Tag steht im Zeichen der Trommeln, nein, es sind hauptsächlich ganz andere Instrumente, die hier zur Anwendung gelangen, habe ich ja gestern bereits über Blumentöpfe, Metallteile und Holzplatten, die bei unserer Promenade mit Johannes Fischer zu hören sein werden, gesprochen: paar Trommeln in der Schranne, einige Blumentöpfe in der Schlosskapelle und Kuhglocken im Rathaus…. wir sind gespannt auf seine drei Auftritte. Überhaupt hat sich das Schlagzeug innerhalb der Jahrhunderte verändert wie kaum ein Instrumentarium. Bedenken Sie, dass eine Geige zum Beispiel heute noch so aussieht wie vor vierhundert Jahren, ein Flügel seit mindestens hundert Jahren sein Aussehen nicht wesentlich verändert hat – was für eine beständige Technik! in unseren Zeiten, wo heute schon altmodisch ist, was gestern war, ein Grund zum Innehalten, finde ich, das aber nur am Rande, ich bin schon wieder ins Grübeln geraten.
Schlagzeug hat sich immer weiterentwickelt, und ist zusammen mit dem Gesang unser ältestes Instrumentarium, was liegt näher, als auf einen Stein zu hauen, um seiner Laune Ausdruck zu verleihen. Knochen, hohle Baumstämme, raschelndes Laub, klappernde Zähne in einem alten Schädel, was nicht alles hat man zur Lauterzeugung herangezogen! Heutige Schlagzeuger sehen das nicht anders. Nachdem Jahrhunderte lang man in erster Linie konstruierte Artefakte gebraucht hatte – aufgezogene Tierfelle, feine Legierungen aus Metall – greift man heutzutage wieder ganz archaisch zu Alltagsgeräten, wie Kochtöpfen, Bratpfannen, Trittleitern, Mülltonnen, und was der Haushalt eben so hergibt.
Eindrucksvoll zu sehen bei den Double Drums: Alexander Glöggler und Philipp Jungk scheuen keine Mühe, die Bühne mit ihrem Gerät vollzupacken. Nein! sie haben nicht nur solche Geräte dabei, stellen Sie sich keinen Gerümpelhaufen vor, da stehen durchaus auch die herkömmlichen Instrumente wie Trommeln jeder Art, Pauken, Becken, Zimbeln, Xylophon, Vibraohon, Gongs und Tamtams auf der Bühne, Sie können selber nachschlagen, was es alles gibt, hat doch jeder ein Lexikon in der Tasche, um alles Mögliche zu recherchieren. Für die beiden Schlagzeuger gibt es jedenfalls keine Präferenzen, alt, neu, normal, ungewöhnlich, für sie ist alles gleich wertvoll: das entpricht ja unserem Festivalgedanken: nichts ist besser als das andere, neue Musik, alte Musik, selten oder häufig gespielt, improvisiert oder notiert, bekannt oder unbekannt. Alles ist gleichermaßen wert, aufgeführt zu werden, damit Sie, liebe Zuhörer, eine Meinung sich bilden können.
Also heute: mittags 11 Uhr das Promenadenkonzert mit Johannes Fischer, nachmittags 14 Uhr Double Drums im Stadtthater und später 16:30 der zweite Teil unserer Oktettreise im Kongregationssaal.
Wir rechnen mit Ihnen!
Herzliche Grüße von Bernhard Jestl.

Oktette!

Liebe Freunde, nun also drei Oktette in einem Konzert, ich bleibe dabei, das Werk von Beethoven ein Oktett ohne zweite Geige zu nennen, oder sind die anderen vier Kompositionen, Septette mit zweiter Geige? wie auch immer, Sie sehen, Titel sind unwichtig, lesen Sie doch nochmal den Beitrag vom 7. März, vielen Dank.

Beethoven war 29, als er das Septett schrieb, also in der Mitte seines Lebens, etwas darüber sogar schon. Ein langes Lied ist dieses Septett, drei Viertelstunden, viele Variationen, viel Es-Dur kriegt man da zu hören, ein Nachteil von solchen Variationensätzen ist, dass sich die Tonart über mehrere Partiturseiten nicht ändert, hat der Komponist dann selber in den Diabelli-Variationen 24 Jahre später anders gemacht.

Stockhausen hat ein ganz besonderes Werk geschrieben: acht gefährliche Typen – diesen Eindruck habe ich gewonnen – betreten nacheinander die Bühne. Zwei sitzen schon, die beiden werden sich als Drahtzieher erweisen. Jeder einzeln, aber dann und wann alle gemeinsem entwickeln höchst sensible Gespinste, die sich bald zu unisonen Aufbäumungen auswachsen. Plötzlich fällt die ganze Geschichte auseinander, wird aber immer wieder von gemeinsamen Aktionen aufgefangen. Jeder ist wichtig. Mal verbünden die drei Bläser sich (Stefan Schneider, Franz Draxinger und María José Rielo Blanco), während die Streicher versuchen, zusammen ein Gegengewicht zu bilden (Suyeon Kang, Max Peter Meis, Kelvin Hawthorne, Bridget McRae, Tatjana Erler).
Das Stück wechselt zwischen fest notierten und freien Passagen, kaum zu finden der Punkt des Wechsels, gut gelöst von unseren Solisten, an anderen Stellen freilich kommt dieser Wechsel ganz abrupt: ab hier agieren wir wieder zusammen! so gewollt vom Komponisten und von den Spielern. „Abrupt“ bedeutet ja „plötzlich und unvermittelt, ohne dass jemand damit gerechnet hat“ oder „ohne erkennbaren Zusammenhang“ so steht’s im Duden. Plötzlich und unvermittelt ein lauter Hornton, der das Geschehen unterbricht, für uns überraschend, auch für die Spieler – also so scheint es, es ist beabsichtigt, dass es so scheint – und schon geht’s anders weiter. Später entsteht eine Verdichtung, alle spielen scheinbar für sich alleine, bis das ganze gefährliche Kartenhaus in sich zusammenfällt und leise, leise, wie es begonnen hat, sein Ende findet. Ohne erkennbaren Zusammenhang: das würde Stockhausen wohl nicht bestätigen, in seinem Stück hängt alles miteinander zusammen, aber die Übergänge zwischen den Teilen sind mal hart, mal flauschig. Das Publikum honorierte lautstark das neue Werk und die überzeugende Darbietung.

Danach Widmann, der in seinem Oktett ganz unverblümt auf das Oktett aller Oktette Bezug nimmt: auf Schubert, der ja am nächsten Tag im Programm steht. Widmann kennt jede Nouance des klassischen Musiklebens, sämtliche Zwischentöne, die das Musikerleben auf der Bühne mit sich bringt, und mit schlafwandlerischer Sicherheit wendet er die klassischen Patterns an. Als profunder Kenner der Instrumente kann er Stärken von Instrument und Spieler ausloten, man wird ja durch die Jahrhunderte gleichsam geschleudert und gejagt, gnadenlos scheut der Komponist sich nicht, klassische Plattheiten und Banalitäten zu zitieren. Jörg, wenn du das liest, sei mir nicht gram, sollte es nicht so gemeint sein, aber wie wir gesehen haben, kann der Nachbar ja denken was er will und das Stück trotzdem großartig finden, so wie ich es tue.

Das war der erste Teil der Oktett-Reise, wie Kelvin Hawthorne es beschrieb, die Hinreise sozusagen, wir sind jetzt weit weg, am Ende des Konzertes am Sonntag Abend werden wir wieder zurück sein. Wo man musikalisch zuhause ist, mag ein jeder für sich entscheiden. Ich bin nicht entschieden und hoffe, dass ich das auch nie sein werde.

Bernhard Jestl

Eine Wanderung in Neuburg

Liebe Freunde der Neuburgmusik,

am Sonntag vormittags gibt’s eine Wanderung durch Neuburg: drei Stationen werden wir erkunden: den Schrannenplatz, die Schlosskapelle und das Rathaus. Also, eine Schranne kann mehreres sein. Da ist erstmal die Bedeutung als Speichergebäude, das war es nicht alleine, als Schranne hat man auch den ganzen Marktplatz bezeichnet, das war unser Platz auch seit fast dreihundert Jahren: der Kornhandel wurde hier abgewickelt. Mitte des 20. Jahrhunderts hat man ein Kino aus dem Schrannenhaus gemacht und später, in den Achtzigern, wieder eine Markthalle, sehr vernünftig. Solche Schrannenhallen gibt es auch unter anderem in München, Augsburg, Dinkelsbühl, Erding und Rothenburg. Die Schranne war aber auch – besonders in Österreich – ein Gerichtsplatz oder Gerichtsgebäude so circa 1400 bis 1780. Solche kann man heute noch in Wien sehen, oder in Salzburg und Anif, aber auch zum Beispiel in Garmisch-Partenkirchen. Außerdem gibt es noch einen Berg, der so heißt, und zwar in Österreich an der früheren Grenze zu Bayern und war, wie uns der Name lehrt, ein Grenzplatz für Warenverkauf, das aber nur am Rande, der Berg ist 727 m hoch, aber das gehört doch wirklich nicht hierher, verzeihen Sie mir.

Die nächste Station unseres Spaziergangs durch Neuburg ist die Schlosskapelle, der älteste protestantische Sakralbau der Welt! 1542 wurde das Land evangelisch und Hans Bocksberger d. Ä. hat die Kapelle 1543 mit grandiosen Fresken versehen, die halbe Bibelgeschichte ist da aufgemalt. Dieses Kunstwerk wurde natürlich im Zuge der Gegenreformation schändlich überpinselt, nein fast zerstört! also nicht nur Köpfe rollten in der Zeit, auch Kunstwerke mussten weichen. Man hat später – viel später, also erst im 20. Jahrhundert – die Fresken wieder restauriert, ein Glück für uns und für die Neuburger im besonderen.

Als nächstes wandern wir zum Rathaus, also gleich um die Ecke, keine Sorge, Sie benötigen keine Wanderausrüstung,
das ist die dritte und letzte Staion des Rundgangs, der in den kompetenten Händen von Gabriele Kaps liegen wird, lassen Sie sich führen, Sie werden begeistert sein, aber das ist ja nicht alles, hier folgt das Eigentliche:

An jedem der drei Orte wird der vorzügliche Perkussionist Johannes Fischer für uns spielen: Werke von Iannis Xenakis, Steve Reich, den Altmeistern, außerdem ein Werk für drei Bumentöpfe von Eric Griswold und am Ende Steppenwolf, das ist nicht nur ein Buch von Hermann Hesse, sonder auch eine Hard Rock Band, und die wird hier wohl gemeint sein; der Komponist David Lang hat für Kuhglocken, Holzplatten, Glockenspiel und Metallteile eine Adaption gemacht. Das ist zwar noch nicht alles, was Johannes Fischer spielen wird, es reicht aber, um unbedingt diese Wanderung mitzumachen, also: Treffpunkt Sonntag 11. März 11 Uhr Schrannenhalle in Neuburg an der Donau!

Ich werde sicher da sein, ich freue mich auf Sie,
Bernhard Jestl.

Über Applaus

Liebe Freunde, liebes Publikum unseres ersten Konzertes!

Sie haben das Münchener Kammerorchester mit opulentem Applaus versorgt, die Musikerinnen und Musiker haben es Ihnen auf das allerherzlichste gedankt. Das Wort „Applaus“ geht im Übrigen auf Lateinisch plaudere zurück, das heißt „klatschend schlagen“. Es gibt noch zwei Bildungen, applaudere und explaudere, wobei jenes „Beifall klatschen“, dieses „klatschend heraustreiben, ausklatschen“ bedeutet. Auch der Ausdruck „plausibel“ hat seine Wurzel im lateinischen plaudere, und zwar in der Form plausibilis „Beifall verdienend, einleuchtend“, auch „verständlich, überzeugend, triftig“. Wer klatscht, ist überzeugt. Es lohnt sich, nebenbei das Word „Beifall“ näher zu beleuchten, welches „Zustimmung“ bedeutet. „Beifall“ wurde als Gegenwort zu „Abfall“ gebildet, mit seinem Beifall also bekundet der Mensch seine Zustimmung zu dem Geschehnis, welchem er applaudiert.
Auch sei die Herkunft des Wortes „klatschen“ untersucht, dieses gehört zu einer Gruppe von Schallnachahmungen, es gibt den Klangeindruck des Zusammenschlagens oder Aufprallens wieder. Außerdem heißt „klatschen“ auch „plaudern, schwatzen“; das Substantiv „Klatsch“ bedeutet nicht nur „Knall, Schall, Schlag“ sondern auch „Geschwätz, übles Gerede“. Schließlich sei noch auf das verwandte Wort „Kladde“ hingewiesen, was ursprünglich „Schmutz, Schmiererei“ bedeutet. Shintoisten müssen im Tempel nach der Opfergabe zwei bis dreimal laut in die Hände klatschen, sie tun das ernsten Gesichtes und mit seltsam starren Armen, sie klatschen um die Geister zu wecken, die faul ihre Tage verbringen: Klatschen als Signal, die Spanier schließlich haben eine virtuose Klatschtechnik entwickelt, perkussives Feuerwerk zu Flamenco-Fußgetrampel: Klatschen als Divertimento.

Jetzt aber zum Applaus in klassischen Konzerten. Lassen wir einmal den Ablauf eines solchen Konzerts an unserem imaginären Auge vorübergehen. Das Orchester betritt den Saal und wird stante pede beklatscht, kaum betritt der erste Musiker die Bühne, schlagen die Leute ihre Handflächen aneinander, warum tun sie das? Sie finden den Auftritt der Musiker plausibel! Natürlich, das Gehen der Musiker zu ihren Stühlen ist einleuchtend, überzeugend, triftig, deshalb klatschen die Leute. Vielleicht auch als Geste der Zustimmung, wir schließen uns euch an, besagt das Klatschen, ihr da oben auf dem Podium findet unseren Beifall, eure Anwesenheit ist uns verständlich. Nun beginnen die Musiker ihre Instrumente zu stimmen, doch das ist unwichtig für unsere Erörterung, denn der Dirigent betritt gleich die Bühne und der Beifall ertönt erneut, lauter diesmal und – freundlicher, ja freundlicher. Kaum ist diesmal auszumachen, dass der Applaus von Einzelpersonen produziert wird, ein gleichmäßiges Geräusch dringt an die Ohren der Musiker, die noch ihre Noten ordnen oder den Stuhl in Position bringen, jedenfalls schenken sie dem Auftritt des Dirigenten geringe Aufmerksamkeit, man kennt sich ja. Trotzdem nehmen sie die kleine Veränderung des Beifalls sehr wohl wahr, Musiker haben ein feines Gespür für die mannigfaltigen Abstufungen des Applauses, fast alle Besucher des Konzerts klatschen jetzt, deshalb klingt der Applaus glatter, gepflegter, freundlicher als zuvor beim Auftritt der Musiker, als nur etwa fünfzig bis sechzig Prozent der Zuschauer es passend fanden, ihre Hände gegeneinander zu schlagen, viel plausibler für das Publikum ist also das Hereinkommen des Dirigenten, kein Wunder, ist er doch häufig vielen Menschen bekannt. Wir erkennen also jetzt schon die Macht der Zuhörer und Zuschauer durch simple Lauterzeugung mit den Handflächen ihre Meinung kundzutun.

Manchmal betritt mit dem Dirigenten ein Solist das Podium, der häufig noch bekannter als der Dirigent ist, weshalb dieser in solchen Fällen zur Begleitfigur wird und noch mit freundlicher Gebärde auf den Instrumentalisten, der den Beifall ungeteilt entgegennimmt, weist. Der Dirigent hat ja schon seinen ersten Auftritt hinter sich, deshalb ist der Applaus nun für den Solisten da.
Niemand klatscht im Übrigen während eines Musikstückes, ja verpönt sogar ist der Beifall zwischen den Sätzen einer Komposition, obwohl der Schluss des ersten Satzes des heutigen Werkes zum Beispiel durch seine zündende Faktur Beifallsbekundungen herausfordert, doch zwingen sich die Zuschauer, Contenance zu wahren und halten ihre Hände ruhig. Regen sich einige einsame Klatscher nach dem ersten Satz, werden sie zuweilen durch indigniertes Zischen in die Schranken verwiesen, ja sogar drehen sich empört andere Köpfe, empört! nach den Störenfrieden um, der Dirigent aber lächelt freundlich und verbeugt sich knapp, beiden Fraktionen im Publikum, Unwissenden und Besserwissern seine Verbundenheit zeigend. Nein! heute waren nur Kenner im Publikum – und schon gar keine Besserwisser.
Das Konzert schreitet fort und niemand applaudiert nach dem zweiten, zumeist ruhigen Satz, man wartet das Ende der Komposition ab, die Besserwisser sowieso und die Unwissenden warten brav ab, bis die Zeit fürs Händeklatschen gekommen ist. Was für ein Applaus! nach dem Violinkonzert von Ades! Es gab Bach als Zugabe, was für eine Geige – auch das noch!

Solisten haben wieder einen Vorteil gegenüber dem Dirigenten, bekommen sie doch mindestens neunzig Prozent des Beifalls zugedacht, ja sogar dürfen sie jedes zweite Mal alleine auf die Bühne, um den Applaus entgegennehmen zu können. Wenn der Dirigent aber mit an die Rampe tritt, wird er auch hier freundlich immer wieder mit gestrecktem Arm auf den Solisten zeigen. Auch lässt der Dirigent das Orchester aufstehen, auf sein Zeichen erheben sich die Musiker und lächeln ins Publikum, da ebbt der Applaus etwas ab und erholt sich wieder, wenn der Dirigent sich verbeugt. Jedesmal wird der Applaus leiser, wenn der Dirigent hinter der Bühne verschwindet, erscheint er nach einigen Sekunden wieder, brandet das Geräusch wieder auf, warum tut es das? Warum klatschen die Menschen laut, wenn sie den Dirigenten sehen und leise, wenn er nicht auf der Bühne ist? Nein, einige Menschen klatschen überhaupt nur, wenn er sich zeigt. Plausibel also ist die Anwesenheit des Dirigenten, das zeigt sich am Ende des Konzerts erst recht, hat doch er die Musiker zum Spielen gebracht.

Nicht nur die Handflächen zusammen schlagen die Zuhörer, um sich mit den Interpreten verbunden zu zeigen, nein, auch mit den Schuhsohlen unter dem Stuhl auf das Parkett trampeln sie, oder rufen hin und wieder „Bravo“ auf die Bühne. Das Wort bedeutet „trefflich, wacker, tüchtig, ordentlich“ und geht auf das vulgärlateinische „brabus“ zurück, welches wiederum aus dem lateinischen „barbarus“ stammt, was „fremd, ungesittet“ heißt. Über die griechische Brücke „barbaros“ kommt man zum altindischen „barbara-h“, das heißt „stammelnd“ und bezeichnet den fremden Ausländer, der mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut war und darum als „roh und ungebildet“ galt. Aus dem Griechischen entlehnt also ist das Wort „brav“, was „roh und ungebildet, nicht verfeinert, nicht künstlich“ bedeutet, Bravo! ruft das Publikum dem unbändigen und wilden Solisten zu, oder auch dem wackeren Dirigenten.

Es gibt Menschen, die nie klatschen. Während des Auftritts blättern sie im Programm ohne die Künstler eines Blickes zu würdigen, und am Ende legen sie das Kinn in die aufgestützte Hand, streichen sich den Bart oder kratzen sich am Bein und schauen wissend vor sich hin, während ringsum die Ovationen brausen, ich bin noch in anderen Welten, sagt ihr Blick, während Andere ganz diesseitig lärmen, oder aber hochmütig glauben nur sie die Leistung der Musiker wirklich einschätzen zu können. Solche gibt’s nicht in Neuburg – nur damit Sie wissen.

Vielen Dank, dass Sie sich für diesen langen Beitrag Zeit genommen haben,
Herzlich, Ihr Bernhard Jestl.

Über Titel in der Musik

Liebe Freunde, ist es Ihnen aufgefallen, dass keins der Oktette, die auf unserem Programm stehen, Titel trägt? Mir schon, denn Sie alle kennen sicher folgende Geschichte aus dem Museum: Sie stehen in einiger Entfernung vor einem Kunstwerk – Gemälde, Skulptur, Installation, oder welches Artefakt auch immer Sie sich vorstellen mögen – und sind einigermaßen ratlos: der vielzitierte klassische Satz kommt Ihnen ungewollt in den Sinn: was uns die Künstlerin, oder auch der Künstler damit sagen will. Jetzt entdecken Sie ein Schildchen neben dem Kunstwerk und drängeln sich durch: was lesen Sie? „Ohne Titel“!
Nein, so etwas wollen wir nicht lesen, denn jetzt müssen wir selber denken, das ist nicht jedermanns Sache, wir möchten informiert sein, Titel helfen beim Verständnis des Werks. – Ich denke nicht so. Titel lenken ab, Titel legen fest, Titel schränken ein. Warum heißt die Vierte Schubert die „Tragische“, wo es doch andere Schubert Sinfonien gibt, die jenes Attribut eher verdienten. Ich habe bisher keinen Grund gesehen, warum das Ades Violinkonzert „Concentric Paths“ heißt: möglicherweise werden Sie etwas Konzertisches horen, ich bisher noch nicht. Oder Norgard: „Voyage into the golden screen“ mag ja schillernd klingen, für das Hörerlebnis ist das unerheblich.
Also die Oktette! Ich nenne das Werk von Beethoven hier ein Oktett ohne zweite Geige, also vier Oktette können Sie Samstag und Sonntag hören. Nur eins hat einen „halben“ Titel: Mayrhofers Lageder Oktett, das hat mit Wein zu tun, aber muss uns das wirklich interssieren? Nein, das Werk ist ohnehin großartig (ich habe es zweimal schon gehört); woher Komponisten ihre Inspiration holen – Naturvorgänge, konzentrische Wege, goldene Bildschirme oder Betonmischmaschinen – ist ihre Sache, und meist bleibt das auch ihre Sache, wir dürfen denken, was uns passt, das ist das Recht des Publikums, nein die Pflicht.
Was sollen wir denn bei Mozart sagen, diese ideale Musik zwingt uns zu nichts, und Sie können sicher sen, dass Ihr Nachbar etwas völlig Anderes denkt, als Sie: was mag er wohl denken? Nein! das brauchen Sie nicht zu wissen, das Wichtigste ist das gemeinsame Erlebnis. Übrigens nochwas zur Es-Dur Sinfonie von Mozart. Der letzte Satz ist für uns Geiger etwas Besonderes: der ist jedem Geiger bekannt – Jedem! dieses Stück ist eine Probespielstelle par exellance, das übt jeder Student tagelang, denn fast alle Orchester verlangen beim Vorspiel diese Stelle: die ist ein bisschen vertrackt, nicht leicht zu greifen die Tonart Es-Dur für Geiger und nicht leicht die schnellen Sechzehntel in bogentechnischem Sinne. Also haben Sie bitte ein Ohr für den lezten Satz dieser Sinfonie? Und schauen Sie den Geigern ruhig auf die Bögen! spüren Sie die Freude, die Euphorie?
Darauf freut sich auch
Ihr Bernhard Jestl

Jetzt zum Festival

Liebe Freunde,

jetzt zum Festival; was soll ich schreiben, was Sie nicht anderwärts erfahren können: die Konzertprogramme können Sie dem gedruckten Konzertbuch entnehmen, außerdem der Website, dem Flyer, alles in wunderschöner Magenta-Farbe, ein dickes Lob den Designern an dieser Stelle, sehr professionell das alles, hochwertig und übersichtlich, aber ich schweife ab. Soll ich sagen, dass das Festival mit einem Spitzenensemble aus München beginnt, mit einem Paukenschlag sondergleichen: das Münchener Kammerorchester mit seinem Chefdirigenten Clemens Schuldt spielt im Kongregationssaal das Violinkonzert von Thomas Adès, kennen Sie das Violinkonzert von Thomas Adès? ein herrliches Werk, dieses Violinkonzert – gespielt von Augustin Hadelich, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dieses Violinkonzert zum Schwierigsten zählt, was man auf der Violine spielen kann, vertrauen Sie mir, ich habe die Noten gesehen, und Sie werden’s hören: das ist noch komplizierter als es klingt. Ganz natürliche Abläufe, die wunderbar ins Ohr gehen, sind sehr vertrackt geschrieben, muss so sein, weil mehrere Schichten übereinandergelegt sind, verschiedene Rhythmen miteinander konkurrieren und sich ergänzen: Musik, die kaum in unser herkömmliches Notensystem passt. Vergessen Sie nicht, unsere Methode, Musik aufzuschreiben, wurde vor tausend Jahren erfunden! Diese Methode mag den musikalischen Erfordernissen genügen, die damals üblich waren, sie hat auch einige hundert Jahre genügt, aber im zwanzigsten Jahrhundert haben sich Möglichkeiten aufgetan, die Guido von Arezzo nicht voraussehen konnte. Können wir ahnen, was noch kommen wird, wie Musik im Jahre 3018 klingt? Guido von Arezzo hat für die Gegenwart gearbeitet, und das war etwa 1018.

Jetzt habe ich uns zweitausend Jahre durch die Zeit gejagt, sehen Sie es mir nach, dass ich so ins Plaudern geraten bin, ist aber hochinteressant, hat doch bestimmt die Methode, Musik zu notieren, das Kompositionsverhalten geprägt, Komponisten in eine bestimmte Richtung gedrängt und Traditionen kreiert, die über die Jahrhunderte Bestand hatten. Unser Festival deckt auch einen gehörigen Zeitraum ab: vom 18. Jahrhundert bis heute, 1780 bis 2018, um genau zu sein: also immerhin 238 Jahre Musikgeschichte in sechs Konzerten. Von Mozart über Beethoven, Schubert bis hin zu Werken neuester Zeit und zu Improvisationen – die nur in Neuburg erklingen: Sie, liebe Freunde, sind die Einzigen, die das hören werden, niemals wieder wird eine Improvisation wiederholt werden, das ist ein erhabener Gedanke, finde ich. Auch geschriebene Musik klingt nicht jedesmal gleich, sagen Sie? aber doch gleicher, denn wir Orchestermusiker sind ja reproduzierend tätig, wir denken uns nichts Neues aus, Markus Stockhausen zum Beispiel tut das – ihm und dem Pianisten Florian Weber können wir am zweiten Abend im Stadttheater zuhören – beim Sich-was-Neues-Ausdenken. Dazu laden wir Sie herzlich ein, nein, wir fordern Sie geradezu auf, gehen Sie hin! das wird etwas ganz Besonderes: Samstag, 10. März 2018 | 20.30 Uhr | Stadttheater

Herzlich, Ihr Bernhard Jestl.

NEUBURGMUSIK – Blog

Liebe Freunde von NEUBURGMUSIK,

Neuburg ist über 3000 Jahre alt, damals gab es schon Höhlenbewohner in der Gegend, Tatsache. Keramik wurde gefunden, also Scherben von Keramikware: aus der Hallstattzeit – das ist so 2500 Jahre her. Später die Römer haben hier ein Kastell gebaut, was sage ich: Kastelle haben sie gebaut, zwei Militärlager, um die Provinz Raetien zu sichern. Dann die Germanen fielen von Norden herein und bauten ihrerseits ein Kastell aus Stein: stellten es dreist auf das römische drauf, Sie sehen, man hat sich in der damaligen Zeit wenig um alte Baudenkmäler gekümmert.

Neuburg war Bischofssitz unter Simpert von Augsburg, so hieß der Bischof, da war’s katholisch, später evangelisch, danach bald wieder katholisch, und jedesmal wurden bestimmt die jeweiligen Herren gemordet, gemeuchelt und gehängt.

Neuburg war Kurpfalz, aber nur für ein Jahr, denn Karl III. Philipp wollte lieber in Heidelberg residieren, schade eigentlich. Aus dem Geschichtsbuch: „Nachdem die Linie Pfalz-Neuburg 1742 ausgestorben war, trat die Linie Pfalz-Sulzbach die Erbfolge in der Kurpfalz und in Pfalz-Neuburg an. 1777 erbte die Linie Pfalz-Sulzbach Bayern, das Fürstentum Neuburg wurde 1808 aufgehoben und in den Altmühlkreis eingegliedert.“ So, jetzt wissen wir’s.

Also lassen wir jetzt die Geschichte, es ist Interessanteres los in Neuburg: Ein Mann mit schwarzer Mütze wollte ein Fahrrad entwenden, es blieb aber beim Wollen, er wurde an der Tat gehindert. Außerdem wurde eine Frau aus dem Lkrs Roth leicht verletzt, als jemand mit dem Auto rückwärts in ein Grundstück einfahren wollte – Nein! das wollen Sie alles gar nicht wissen, denn wichtig ist das neue Musikfestival, Sehen Sie, jetzt bin ich endlich in medias res angelangt, darum geht’s hier nämlich.

Wollen Sie übrigens paar Sehenswürdigkeiten kennenlernen? Also da wären zu nennen die Hofkirche, die Studienkirche. die Stadtpfarrkirche St.Peter, das Schloss natürlich, außerdem Rathaus, Marstall, Bibliothek: wandern Sie nur die Amalienstraße längs, und Sie werden wunderschöne Bauten erblicken, oder schauen Sie sich am Karlsplatz um, ich muss doch nicht alles aufzählen! wo es hier doch um das Musikfestival geht, denn das findet demnächst statt.

Darüber, und nur darüber berichte ich das nächste Mal, und wenn Sie mögen, noch ein paar Male öfter.

Das war Bernhard Jestl

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