Liebe Freunde, ist es Ihnen aufgefallen, dass keins der Oktette, die auf unserem Programm stehen, Titel trägt? Mir schon, denn Sie alle kennen sicher folgende Geschichte aus dem Museum: Sie stehen in einiger Entfernung vor einem Kunstwerk – Gemälde, Skulptur, Installation, oder welches Artefakt auch immer Sie sich vorstellen mögen – und sind einigermaßen ratlos: der vielzitierte klassische Satz kommt Ihnen ungewollt in den Sinn: was uns die Künstlerin, oder auch der Künstler damit sagen will. Jetzt entdecken Sie ein Schildchen neben dem Kunstwerk und drängeln sich durch: was lesen Sie? „Ohne Titel“!
Nein, so etwas wollen wir nicht lesen, denn jetzt müssen wir selber denken, das ist nicht jedermanns Sache, wir möchten informiert sein, Titel helfen beim Verständnis des Werks. – Ich denke nicht so. Titel lenken ab, Titel legen fest, Titel schränken ein. Warum heißt die Vierte Schubert die „Tragische“, wo es doch andere Schubert Sinfonien gibt, die jenes Attribut eher verdienten. Ich habe bisher keinen Grund gesehen, warum das Ades Violinkonzert „Concentric Paths“ heißt: möglicherweise werden Sie etwas Konzertisches horen, ich bisher noch nicht. Oder Norgard: „Voyage into the golden screen“ mag ja schillernd klingen, für das Hörerlebnis ist das unerheblich.
Also die Oktette! Ich nenne das Werk von Beethoven hier ein Oktett ohne zweite Geige, also vier Oktette können Sie Samstag und Sonntag hören. Nur eins hat einen „halben“ Titel: Mayrhofers Lageder Oktett, das hat mit Wein zu tun, aber muss uns das wirklich interssieren? Nein, das Werk ist ohnehin großartig (ich habe es zweimal schon gehört); woher Komponisten ihre Inspiration holen – Naturvorgänge, konzentrische Wege, goldene Bildschirme oder Betonmischmaschinen – ist ihre Sache, und meist bleibt das auch ihre Sache, wir dürfen denken, was uns passt, das ist das Recht des Publikums, nein die Pflicht.
Was sollen wir denn bei Mozart sagen, diese ideale Musik zwingt uns zu nichts, und Sie können sicher sen, dass Ihr Nachbar etwas völlig Anderes denkt, als Sie: was mag er wohl denken? Nein! das brauchen Sie nicht zu wissen, das Wichtigste ist das gemeinsame Erlebnis. Übrigens nochwas zur Es-Dur Sinfonie von Mozart. Der letzte Satz ist für uns Geiger etwas Besonderes: der ist jedem Geiger bekannt – Jedem! dieses Stück ist eine Probespielstelle par exellance, das übt jeder Student tagelang, denn fast alle Orchester verlangen beim Vorspiel diese Stelle: die ist ein bisschen vertrackt, nicht leicht zu greifen die Tonart Es-Dur für Geiger und nicht leicht die schnellen Sechzehntel in bogentechnischem Sinne. Also haben Sie bitte ein Ohr für den lezten Satz dieser Sinfonie? Und schauen Sie den Geigern ruhig auf die Bögen! spüren Sie die Freude, die Euphorie?
Darauf freut sich auch
Ihr Bernhard Jestl