Liebe Freunde, liebes Publikum unseres ersten Konzertes!

Sie haben das Münchener Kammerorchester mit opulentem Applaus versorgt, die Musikerinnen und Musiker haben es Ihnen auf das allerherzlichste gedankt. Das Wort „Applaus“ geht im Übrigen auf Lateinisch plaudere zurück, das heißt „klatschend schlagen“. Es gibt noch zwei Bildungen, applaudere und explaudere, wobei jenes „Beifall klatschen“, dieses „klatschend heraustreiben, ausklatschen“ bedeutet. Auch der Ausdruck „plausibel“ hat seine Wurzel im lateinischen plaudere, und zwar in der Form plausibilis „Beifall verdienend, einleuchtend“, auch „verständlich, überzeugend, triftig“. Wer klatscht, ist überzeugt. Es lohnt sich, nebenbei das Word „Beifall“ näher zu beleuchten, welches „Zustimmung“ bedeutet. „Beifall“ wurde als Gegenwort zu „Abfall“ gebildet, mit seinem Beifall also bekundet der Mensch seine Zustimmung zu dem Geschehnis, welchem er applaudiert.
Auch sei die Herkunft des Wortes „klatschen“ untersucht, dieses gehört zu einer Gruppe von Schallnachahmungen, es gibt den Klangeindruck des Zusammenschlagens oder Aufprallens wieder. Außerdem heißt „klatschen“ auch „plaudern, schwatzen“; das Substantiv „Klatsch“ bedeutet nicht nur „Knall, Schall, Schlag“ sondern auch „Geschwätz, übles Gerede“. Schließlich sei noch auf das verwandte Wort „Kladde“ hingewiesen, was ursprünglich „Schmutz, Schmiererei“ bedeutet. Shintoisten müssen im Tempel nach der Opfergabe zwei bis dreimal laut in die Hände klatschen, sie tun das ernsten Gesichtes und mit seltsam starren Armen, sie klatschen um die Geister zu wecken, die faul ihre Tage verbringen: Klatschen als Signal, die Spanier schließlich haben eine virtuose Klatschtechnik entwickelt, perkussives Feuerwerk zu Flamenco-Fußgetrampel: Klatschen als Divertimento.

Jetzt aber zum Applaus in klassischen Konzerten. Lassen wir einmal den Ablauf eines solchen Konzerts an unserem imaginären Auge vorübergehen. Das Orchester betritt den Saal und wird stante pede beklatscht, kaum betritt der erste Musiker die Bühne, schlagen die Leute ihre Handflächen aneinander, warum tun sie das? Sie finden den Auftritt der Musiker plausibel! Natürlich, das Gehen der Musiker zu ihren Stühlen ist einleuchtend, überzeugend, triftig, deshalb klatschen die Leute. Vielleicht auch als Geste der Zustimmung, wir schließen uns euch an, besagt das Klatschen, ihr da oben auf dem Podium findet unseren Beifall, eure Anwesenheit ist uns verständlich. Nun beginnen die Musiker ihre Instrumente zu stimmen, doch das ist unwichtig für unsere Erörterung, denn der Dirigent betritt gleich die Bühne und der Beifall ertönt erneut, lauter diesmal und – freundlicher, ja freundlicher. Kaum ist diesmal auszumachen, dass der Applaus von Einzelpersonen produziert wird, ein gleichmäßiges Geräusch dringt an die Ohren der Musiker, die noch ihre Noten ordnen oder den Stuhl in Position bringen, jedenfalls schenken sie dem Auftritt des Dirigenten geringe Aufmerksamkeit, man kennt sich ja. Trotzdem nehmen sie die kleine Veränderung des Beifalls sehr wohl wahr, Musiker haben ein feines Gespür für die mannigfaltigen Abstufungen des Applauses, fast alle Besucher des Konzerts klatschen jetzt, deshalb klingt der Applaus glatter, gepflegter, freundlicher als zuvor beim Auftritt der Musiker, als nur etwa fünfzig bis sechzig Prozent der Zuschauer es passend fanden, ihre Hände gegeneinander zu schlagen, viel plausibler für das Publikum ist also das Hereinkommen des Dirigenten, kein Wunder, ist er doch häufig vielen Menschen bekannt. Wir erkennen also jetzt schon die Macht der Zuhörer und Zuschauer durch simple Lauterzeugung mit den Handflächen ihre Meinung kundzutun.

Manchmal betritt mit dem Dirigenten ein Solist das Podium, der häufig noch bekannter als der Dirigent ist, weshalb dieser in solchen Fällen zur Begleitfigur wird und noch mit freundlicher Gebärde auf den Instrumentalisten, der den Beifall ungeteilt entgegennimmt, weist. Der Dirigent hat ja schon seinen ersten Auftritt hinter sich, deshalb ist der Applaus nun für den Solisten da.
Niemand klatscht im Übrigen während eines Musikstückes, ja verpönt sogar ist der Beifall zwischen den Sätzen einer Komposition, obwohl der Schluss des ersten Satzes des heutigen Werkes zum Beispiel durch seine zündende Faktur Beifallsbekundungen herausfordert, doch zwingen sich die Zuschauer, Contenance zu wahren und halten ihre Hände ruhig. Regen sich einige einsame Klatscher nach dem ersten Satz, werden sie zuweilen durch indigniertes Zischen in die Schranken verwiesen, ja sogar drehen sich empört andere Köpfe, empört! nach den Störenfrieden um, der Dirigent aber lächelt freundlich und verbeugt sich knapp, beiden Fraktionen im Publikum, Unwissenden und Besserwissern seine Verbundenheit zeigend. Nein! heute waren nur Kenner im Publikum – und schon gar keine Besserwisser.
Das Konzert schreitet fort und niemand applaudiert nach dem zweiten, zumeist ruhigen Satz, man wartet das Ende der Komposition ab, die Besserwisser sowieso und die Unwissenden warten brav ab, bis die Zeit fürs Händeklatschen gekommen ist. Was für ein Applaus! nach dem Violinkonzert von Ades! Es gab Bach als Zugabe, was für eine Geige – auch das noch!

Solisten haben wieder einen Vorteil gegenüber dem Dirigenten, bekommen sie doch mindestens neunzig Prozent des Beifalls zugedacht, ja sogar dürfen sie jedes zweite Mal alleine auf die Bühne, um den Applaus entgegennehmen zu können. Wenn der Dirigent aber mit an die Rampe tritt, wird er auch hier freundlich immer wieder mit gestrecktem Arm auf den Solisten zeigen. Auch lässt der Dirigent das Orchester aufstehen, auf sein Zeichen erheben sich die Musiker und lächeln ins Publikum, da ebbt der Applaus etwas ab und erholt sich wieder, wenn der Dirigent sich verbeugt. Jedesmal wird der Applaus leiser, wenn der Dirigent hinter der Bühne verschwindet, erscheint er nach einigen Sekunden wieder, brandet das Geräusch wieder auf, warum tut es das? Warum klatschen die Menschen laut, wenn sie den Dirigenten sehen und leise, wenn er nicht auf der Bühne ist? Nein, einige Menschen klatschen überhaupt nur, wenn er sich zeigt. Plausibel also ist die Anwesenheit des Dirigenten, das zeigt sich am Ende des Konzerts erst recht, hat doch er die Musiker zum Spielen gebracht.

Nicht nur die Handflächen zusammen schlagen die Zuhörer, um sich mit den Interpreten verbunden zu zeigen, nein, auch mit den Schuhsohlen unter dem Stuhl auf das Parkett trampeln sie, oder rufen hin und wieder „Bravo“ auf die Bühne. Das Wort bedeutet „trefflich, wacker, tüchtig, ordentlich“ und geht auf das vulgärlateinische „brabus“ zurück, welches wiederum aus dem lateinischen „barbarus“ stammt, was „fremd, ungesittet“ heißt. Über die griechische Brücke „barbaros“ kommt man zum altindischen „barbara-h“, das heißt „stammelnd“ und bezeichnet den fremden Ausländer, der mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut war und darum als „roh und ungebildet“ galt. Aus dem Griechischen entlehnt also ist das Wort „brav“, was „roh und ungebildet, nicht verfeinert, nicht künstlich“ bedeutet, Bravo! ruft das Publikum dem unbändigen und wilden Solisten zu, oder auch dem wackeren Dirigenten.

Es gibt Menschen, die nie klatschen. Während des Auftritts blättern sie im Programm ohne die Künstler eines Blickes zu würdigen, und am Ende legen sie das Kinn in die aufgestützte Hand, streichen sich den Bart oder kratzen sich am Bein und schauen wissend vor sich hin, während ringsum die Ovationen brausen, ich bin noch in anderen Welten, sagt ihr Blick, während Andere ganz diesseitig lärmen, oder aber hochmütig glauben nur sie die Leistung der Musiker wirklich einschätzen zu können. Solche gibt’s nicht in Neuburg – nur damit Sie wissen.

Vielen Dank, dass Sie sich für diesen langen Beitrag Zeit genommen haben,
Herzlich, Ihr Bernhard Jestl.