Liebe Freunde, nun also drei Oktette in einem Konzert, ich bleibe dabei, das Werk von Beethoven ein Oktett ohne zweite Geige zu nennen, oder sind die anderen vier Kompositionen, Septette mit zweiter Geige? wie auch immer, Sie sehen, Titel sind unwichtig, lesen Sie doch nochmal den Beitrag vom 7. März, vielen Dank.

Beethoven war 29, als er das Septett schrieb, also in der Mitte seines Lebens, etwas darüber sogar schon. Ein langes Lied ist dieses Septett, drei Viertelstunden, viele Variationen, viel Es-Dur kriegt man da zu hören, ein Nachteil von solchen Variationensätzen ist, dass sich die Tonart über mehrere Partiturseiten nicht ändert, hat der Komponist dann selber in den Diabelli-Variationen 24 Jahre später anders gemacht.

Stockhausen hat ein ganz besonderes Werk geschrieben: acht gefährliche Typen – diesen Eindruck habe ich gewonnen – betreten nacheinander die Bühne. Zwei sitzen schon, die beiden werden sich als Drahtzieher erweisen. Jeder einzeln, aber dann und wann alle gemeinsem entwickeln höchst sensible Gespinste, die sich bald zu unisonen Aufbäumungen auswachsen. Plötzlich fällt die ganze Geschichte auseinander, wird aber immer wieder von gemeinsamen Aktionen aufgefangen. Jeder ist wichtig. Mal verbünden die drei Bläser sich (Stefan Schneider, Franz Draxinger und María José Rielo Blanco), während die Streicher versuchen, zusammen ein Gegengewicht zu bilden (Suyeon Kang, Max Peter Meis, Kelvin Hawthorne, Bridget McRae, Tatjana Erler).
Das Stück wechselt zwischen fest notierten und freien Passagen, kaum zu finden der Punkt des Wechsels, gut gelöst von unseren Solisten, an anderen Stellen freilich kommt dieser Wechsel ganz abrupt: ab hier agieren wir wieder zusammen! so gewollt vom Komponisten und von den Spielern. „Abrupt“ bedeutet ja „plötzlich und unvermittelt, ohne dass jemand damit gerechnet hat“ oder „ohne erkennbaren Zusammenhang“ so steht’s im Duden. Plötzlich und unvermittelt ein lauter Hornton, der das Geschehen unterbricht, für uns überraschend, auch für die Spieler – also so scheint es, es ist beabsichtigt, dass es so scheint – und schon geht’s anders weiter. Später entsteht eine Verdichtung, alle spielen scheinbar für sich alleine, bis das ganze gefährliche Kartenhaus in sich zusammenfällt und leise, leise, wie es begonnen hat, sein Ende findet. Ohne erkennbaren Zusammenhang: das würde Stockhausen wohl nicht bestätigen, in seinem Stück hängt alles miteinander zusammen, aber die Übergänge zwischen den Teilen sind mal hart, mal flauschig. Das Publikum honorierte lautstark das neue Werk und die überzeugende Darbietung.

Danach Widmann, der in seinem Oktett ganz unverblümt auf das Oktett aller Oktette Bezug nimmt: auf Schubert, der ja am nächsten Tag im Programm steht. Widmann kennt jede Nouance des klassischen Musiklebens, sämtliche Zwischentöne, die das Musikerleben auf der Bühne mit sich bringt, und mit schlafwandlerischer Sicherheit wendet er die klassischen Patterns an. Als profunder Kenner der Instrumente kann er Stärken von Instrument und Spieler ausloten, man wird ja durch die Jahrhunderte gleichsam geschleudert und gejagt, gnadenlos scheut der Komponist sich nicht, klassische Plattheiten und Banalitäten zu zitieren. Jörg, wenn du das liest, sei mir nicht gram, sollte es nicht so gemeint sein, aber wie wir gesehen haben, kann der Nachbar ja denken was er will und das Stück trotzdem großartig finden, so wie ich es tue.

Das war der erste Teil der Oktett-Reise, wie Kelvin Hawthorne es beschrieb, die Hinreise sozusagen, wir sind jetzt weit weg, am Ende des Konzertes am Sonntag Abend werden wir wieder zurück sein. Wo man musikalisch zuhause ist, mag ein jeder für sich entscheiden. Ich bin nicht entschieden und hoffe, dass ich das auch nie sein werde.

Bernhard Jestl