Liebe Freunde,

jetzt zum Festival; was soll ich schreiben, was Sie nicht anderwärts erfahren können: die Konzertprogramme können Sie dem gedruckten Konzertbuch entnehmen, außerdem der Website, dem Flyer, alles in wunderschöner Magenta-Farbe, ein dickes Lob den Designern an dieser Stelle, sehr professionell das alles, hochwertig und übersichtlich, aber ich schweife ab. Soll ich sagen, dass das Festival mit einem Spitzenensemble aus München beginnt, mit einem Paukenschlag sondergleichen: das Münchener Kammerorchester mit seinem Chefdirigenten Clemens Schuldt spielt im Kongregationssaal das Violinkonzert von Thomas Adès, kennen Sie das Violinkonzert von Thomas Adès? ein herrliches Werk, dieses Violinkonzert – gespielt von Augustin Hadelich, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dieses Violinkonzert zum Schwierigsten zählt, was man auf der Violine spielen kann, vertrauen Sie mir, ich habe die Noten gesehen, und Sie werden’s hören: das ist noch komplizierter als es klingt. Ganz natürliche Abläufe, die wunderbar ins Ohr gehen, sind sehr vertrackt geschrieben, muss so sein, weil mehrere Schichten übereinandergelegt sind, verschiedene Rhythmen miteinander konkurrieren und sich ergänzen: Musik, die kaum in unser herkömmliches Notensystem passt. Vergessen Sie nicht, unsere Methode, Musik aufzuschreiben, wurde vor tausend Jahren erfunden! Diese Methode mag den musikalischen Erfordernissen genügen, die damals üblich waren, sie hat auch einige hundert Jahre genügt, aber im zwanzigsten Jahrhundert haben sich Möglichkeiten aufgetan, die Guido von Arezzo nicht voraussehen konnte. Können wir ahnen, was noch kommen wird, wie Musik im Jahre 3018 klingt? Guido von Arezzo hat für die Gegenwart gearbeitet, und das war etwa 1018.

Jetzt habe ich uns zweitausend Jahre durch die Zeit gejagt, sehen Sie es mir nach, dass ich so ins Plaudern geraten bin, ist aber hochinteressant, hat doch bestimmt die Methode, Musik zu notieren, das Kompositionsverhalten geprägt, Komponisten in eine bestimmte Richtung gedrängt und Traditionen kreiert, die über die Jahrhunderte Bestand hatten. Unser Festival deckt auch einen gehörigen Zeitraum ab: vom 18. Jahrhundert bis heute, 1780 bis 2018, um genau zu sein: also immerhin 238 Jahre Musikgeschichte in sechs Konzerten. Von Mozart über Beethoven, Schubert bis hin zu Werken neuester Zeit und zu Improvisationen – die nur in Neuburg erklingen: Sie, liebe Freunde, sind die Einzigen, die das hören werden, niemals wieder wird eine Improvisation wiederholt werden, das ist ein erhabener Gedanke, finde ich. Auch geschriebene Musik klingt nicht jedesmal gleich, sagen Sie? aber doch gleicher, denn wir Orchestermusiker sind ja reproduzierend tätig, wir denken uns nichts Neues aus, Markus Stockhausen zum Beispiel tut das – ihm und dem Pianisten Florian Weber können wir am zweiten Abend im Stadttheater zuhören – beim Sich-was-Neues-Ausdenken. Dazu laden wir Sie herzlich ein, nein, wir fordern Sie geradezu auf, gehen Sie hin! das wird etwas ganz Besonderes: Samstag, 10. März 2018 | 20.30 Uhr | Stadttheater

Herzlich, Ihr Bernhard Jestl.